Imago Paartherapie Beziehungsfrage Juli 2016

Mein Mann hat immer recht!

Wenn ich nicht seiner Meinung bin, wird er ärgerlich.

Meine Frage:

Wollte ich es positiv ausdrücken, könnte ich sagen: Mein Mann ist sehr meinungsstark. Aber nach allem, was ich in den letzten Jahren mit ihm so erlebt habe, sehe ich das nicht mehr so. „Penetrant rechthaberisch“ ist zwar keine schöne Beschreibung. Doch ich muss zugeben, dass ich mittlerweilen so über ihn denke.

Besonders schlimm ist es mit Freunden. Wenn er zum Beispiel in Gesellschaft seine Meinung zu einem beliebigen Thema äußert, gibt er nicht eher auf, bis ihm alle zustimmen. Oft wird das dann ziemlich mühsam. Vor allem von mir erwartet er dabei, dass ich ihn unterstütze, die Anderen von seiner Meinung zu überzeugen.

Ich kann das aber meistens nicht. Oft sehe ich die Dinge anders und außerdem es ist mir auch zu dumm, unseren Freunden eine Meinung aufzudrängen. Wenn das passiert, fühlt er sich im Stich gelassen und wirft mir nachher vor, nicht zu ihm zu stehen.

Was soll ich tun? Ich möchte schon zu ihm stehen, aber seine Rechthaberei nervt einfach!

Wir mei­nen dazu:

Brehms Imago Thumb

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“! Ursprünglich war der Sinn dieses Sprichworts aus dem 18. Jahrhundert, die Freiheit der eigenen Entscheidung als genau so wertvoll zu betrachten, wie das damals noch mehr erhoffte und imaginierte Himmelreich.

Mit zunehmender Meinungsfreiheit wurde der Ausspruch allerdings immer mehr ironisch verwendet. Im Sinn von: Ich lass dir Deine Meinung, lass Du mir dann meine Ruhe!

Doch die hinter jeder ironischen Haltung verborgene Distanzierung ist wahrscheinlich genau das Thema zwischen Dir und Deinem Mann. Er fühlt sich alleine gelassen, wenn Du nicht seiner Meinung bist. Und Du distanzierst dich von ihm, wahrscheinlich um das Gefühl zu vermeiden, dich anzupassen oder vielleicht sogar unterwerfen zu müssen. Ein typischer Imago-Machtkampf über das Kompetenzthema!

Was wir mit Kompetenzthema meinen? Im Alter von 4-6 Jahren geht es entwicklungspsychologisch bei Kindern darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigene Kompetenz zu entwickeln. In unserer Pulsations-Theorie (an anderer Stelle mehr über dieses neue, von uns entwickelte Theoriemodell) verwenden wir dafür den Begriff „Weltwirksamkeit“.

Damit ist die Fähigkeit gemeint, „auf die Welt einzuwirken“, also Veränderungen und Entwicklungen in der Welt zu initiieren und/oder zu beeinflussen.

Um diesen „Glauben an sich selbst, an die eigenen Fähigkeiten“ zu entwickeln und zu stabilisieren, braucht es, wie bei jedem Entwicklungsthema auf dem Weg zum Erwachsenwerden, ein adäquat spiegelndes Elternverhalten.

Dabei vertraut ein Kind auf die Erlaubnis und Unterstützung der Eltern, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten auszuprobieren. Und wer ausprobiert, macht auch Fehler. Wenn Eltern auf solche Fehler immer wieder mit abwertender Kritik oder Distanzierung reagieren, bleiben dem Kind häufig nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Depression in der unbewussten Überzeugung „ich schaff das sowieso nicht“! Oder, wie vermutlich in Deiner Geschichte, die aggressive Konkurrenz!

Von Dir will dann Dein Mann das, was er anscheinend von seinen Eltern nicht ausreichend bekommen hat: nämlich die Anerkennung dafür, alles richtig gemacht zu haben. „Wenn ich keinen Fehler mache, wirst Du mich lieben“!

Die Angst dahinter: gewinne ich nicht, mache ich Fehler, ist meine Einschätzung falsch, dann werde ich allein gelassen. Und um diese Angst zu besiegen, muss ich allen anderen und vor allem auch mir selbst beweisen, dass Ich der beste bin bzw. immer recht haben.

Was also tun in solch einer Situation? Ihm einfach immer die Anerkennung geben, damit die Angst weniger wird? Ja und nein.

In der Imagotheorie gehen wir zwar davon aus, dass wir uns in einer Liebesbeziehung wechselseitig Bedürfnisse erfüllen können, die wir in unserer Kindheit nicht oder zu wenig bekommen haben. Doch Voraussetzung dafür ist ein gemeinsames Bewusstsein über die in der eigenen Geschichte verwurzelten Ursachen von Beziehungskonflikten.

Also könnte ein erster Schritt sein, mit Deinem Mann ein Gespräch darüber zu führen, warum er glaubt, dass die von Dir oben beschriebenen Situationen so ablaufen wie geschildert.

Dabei wäre es wichtig, zuerst die eigene Verletzlichkeit und Sorge zu benennen, denn sonst bleibt es nur wieder ein zusätzlicher Kritikpunkt, der immer wieder in die gleiche Konfliktspirale führt.

Und wenn Du ihm dann zuhörst, hör ihm wirklich zu, und vielleicht schaffst Du es sogar zu sagen, ganz im Imago Stil: Ich höre Du sagst…

Möglicherweise fühlt er sich dann erstmalig wirklich gehört und verstanden von Dir. Der Versuch als ersten Schritt in eine gegenseitig verständnisvolle Beziehung ist es sicher wert.


Kommentare

Imago Paartherapie Beziehungsfrage Juli 2016 — 1 Kommentar

  1. Sehr tref­fend, dan­ke. Das hilft mir mei­nen Freund bes­ser zu ver­ste­hen. Bei ihm ist es ge­nau­so und lang­sam wird mir klar was da läuft!

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